Dieser Beitrag ist nicht klickoptimiert.

Herzlichen Glückwunsch! 
Deine Aufmerksamkeitsspanne liegt über dem Niveau eines durchschnittlichen X-und-zwanzigjährigen!

Aber warum klickst du so einen langweiligen Link an? - Kein interessantes Bild oder aufreibendes Thema. Keine Kinderleichen, keine erhängten Gewerkschaftsführer.

Vor ein paar Wochen habe ich zu Hause eine Cover-Version eines aktuellen Pop-Songs aufgenommen, auf YouTube gestellt und den Link dann auf Facebook gepostet. Da das eigentlich nur ein Experiment für mich war, hat mich der verhaltene soziale Rücklauf nicht gestört. Verwundert war ich aber schon etwas. Ich wurde dann darauf aufmerksam gemacht, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass die Leute gar nicht mitbekommen hätten, dass ich den Track und das Video selbst gemacht hatte und deshalb verhältnismäßig wenig klickten. Und tatsächlich hatte ich das nicht explizit geschrieben. - Schließlich war ich zwei ganze Tage lang mit nichts anderem beschäftigt gewesen. In dem Fall hat vielleicht einfach keiner damit gerechnet. - Es wirft aber das grundsätzliche Problem auf, wie Inhalte, die für die Empfänger von wesentlichem Interesse sind (wie in diesem Fall im Nachhinein von Freunden bestätigt wurde), möglichst so übermittelt oder angekündigt werden können, dass diese Empfänger das auch genauso wahrnehmen. (Diesem Problem widmet sich wohl das Fachgebiet des Marketing.)

Die Statistik dieses Blogs zeigt ganz gut, welche Überschriften (und vor allem natürlich Bilder) die meisten Klicks kriegen. Der Aufmacher dieses Beitrags ist zum Beispiel eigentlich viel zu leise unter dem lauten Rauschen all der anderen wichtigen Themen im Strom der Aktivitäten.

Besser wäre zum Beispiel:
Achtung! Dieser Beitrag ist nicht klickoptimiert.

Immer noch blöd, weil das Wichtige am Ende steht und möglicherweise abgesc...
Dann vielleicht so:
Nicht-Klickoptimierter Beitrag voraus!

Jetzt ins Positive gekehrt:
Klickoptimierung - Der Schlüssel zum Online-Marketing-Erfolg!

Ok, das war ein bisschen zu viel. Dann eben:
Die 7 Geheimnisse der Klickoptimierung

Nah dran. Nur noch ein bisschen feilen...
7 Schritte zum garantierten Klick

Das ist sie! - Die Web-optimierte Schlagzeile. Sie ist kurz und vermittelt zwei wichtige Versprechen

1) Du wirst nicht viel Zeit brauchen, es sind nur 7 Schritte. Außerdem siehst du an der Überschrift schon, dass ich weiß, dass du dich zwischen vielen Unterhaltungsangeboten hier auf dieser Seite entscheiden musst. Außerdem musst du dafür vielleicht sogar von Facebook in den Browser wechseln, was natürlich wieder Zeit kostet.

2) Es lohnt sich! Ich habe mir Gedanken gemacht und präsentiere dir nur die wichtigsten und relevantesten Informationen. Quellen verlinke ich brav, weiß aber auch, dass du sie dir nicht anschauen wirst. Schließlich ist es meine ehrenhafte Aufgabe, dir deine Informationshäppchen und Verhaltensanleitungen konsumgerecht aufzubereiten, damit du im nächsten Pausengespräch selbstbewusst mit tollen Informationen glänzen kannst. Details sind uninteressant. Alle werden Manager. Fragt ja ohnehin selten jemand genau nach...

Es gibt viele Arten dieser optimierten Schlagzeilen. Und natürlich ist es wichtig, sich kurz, verständlich und präzise ausdrücken zu können. Und natürlich spielt jeder Autor mit der Lebenszeit seiner Leser und sollte daher Struktur und einen gewissen "Pfiff" in seine Gedanken und Texte bringen. Gute Information oder Unterhaltung braucht aber auch Respekt vor dem Leser. Und wenn ich manchmal die Schlagzeilen von Bild, Heftig und Co. lese, wird mir ganz bange um die Art und vor allem Tiefe der Information, die im Internet konsumiert wird und bange um die Leute, die diese Information unreflektiert aufnehmen und über Facebook verbreiten.

Schade ist es, dass man die Zeit, die man mit dem Ignorieren und Nicht-Anklicken von Massenproduktionsinformation, die über soziale Medien geteilt werden, nicht für gehaltvollere Inhalte (+ etwas Denkzeit) nutzen kann. Ich denke, ich nenne sowas ab Heute "Fast Food Information". - Macht kurz satt, hält nicht lange an, aber liegt schwer im Magen, ohne dass man weiß, was es eigentlich war.

Du hast es bis zum Ende des Beitrags geschafft. - Trotz der vielen Wörter. Sehr beachtlich und nochmals: Herzlichen Glückwunsch!

Eiffelturm, offener Meinungsaustausch und Real-Life-Achievements (Reisebericht Teil 2)

22.07.2014 – Paris Sightseeing
Heute Touri-Programm. Primärziel: Eiffelturm. Die Karte (s.u.) zeigt den approximierten Ablauf der Tour. Blau sind die Metro-Fahrten, rot die ungefähren Laufwege. Einige Phasen sind nicht so ganz klar, wie man sieht. In Paris stolpert man aber sowieso von der einen Sehenswürdigkeit in die nächste. Der Eiffelturm rückt näher. Nebenbei die „Madeleine“ und ein paar andere historische Gebäude und Kirchen besichtigt und dabei viele deutsche Touristen bemerkt.

Meine erste Paris-Tour (Approximation). Das traurig schauende Gebäude ist Notre Dame.
Dann endlich am Turm und schwer beeindruckt von den Ausmaßen. Manche Dinge muss man wohl einfach selbst sehen. Zum selbst sehen war dann auch viel Zeit. Nicht ganz 20 Minuten an der ersten Kasse (5 €) mit Taschenkontrolle. Eine weitere Kontrolle mit Metalldetektor. Dann zu Fuß zur ersten Etage. Irgendwie wirkt es hier wie auf einer Baustelle. Liegt wohl am Baustil. (Hihi...!) Cool: In der Mitte der ersten Plattform ist der Fußboden ein paar Meter breit aus Glas, was bei vielen Besuchern schon von Weitem Angst oder zumindest Respekt hervorruft.

Kaputte Urinstinkte: "Warum sollte ich mich nicht in über 100 Meter Höhe auf einen unsichtbaren Fußboden stellen?"
Von der Seite sieht der Glasboden noch bedrohlicher aus.
Charmant-dekadente Ankündigungstafel an der Olympia Hall. Love it!

Nachwuchsförderung bei "Huré - createur de plaisir".

Oben dauert's wohl etwas länger...
Weiter zur zweiten Etage. Dort dann schon schöne Aussicht. Bei Sonne bestimmt genial. Dann festgestellt, dass sich alle Leute irgendwie hintereinandergestellt haben. Ringsherum gelaufen, um zu merken, dass das die Warteschlange für den Aufzug ist. Wartezeit war unten mit 45 Minuten angekündigt. Bei 18 Grad, einer steifen Brise und Sommerklamotten (Zuhause waren es 34 Grad; mit der Erwartung habe ich dann auch gepackt) waren das seeeehr lange 45 Minuten. Kurz vor dem Erfrierungstod dann doch noch einen Fahrstuhl ergattert und das herrliche Panorama (und den beheizten Innenraum) auf der Spitze genossen. Foto, Foto, Foto. Und wieder abwärts. Wieder schnaufende Menschen hinten mir gelassen (Sport lohnt sich) und nach knapp zwei Stunden wieder unten. Dort ist der Zugang wegen Überfüllung vorübergehend gesperrt. Noch ein Foto mit Hochschul-Tasche fürs Marketing. Check.
Spätes Mittagessen in der Stadt (Burger, s. Karte, 10 €) und eine größere Runde durch die Gassen.

Vielerorts läuft einfach nur Wasser aus den Gullis. Ein Gespräch mit dem Herrn links im Bild ergab: Paris hat zu viel Geld, deshalb wird es die Straßen hinuntergespült. (Es gibt also tatsächlich eine ganze Menge Parallelen zur deutschen Hauptstadt.)

23.07.2014 – Das Gala Dinner

Langes Rumeiern in der Früh, dann doch noch rechtzeitig zur Keynote da. Kontext-abhängige mobile Dienste. Interessant, aber recht oberflächlich. Dann noch ein paar Vorträge mitgenommen, darunter ein Ansatz zur automatisierten Labormaus-Beobachtung mit RFID-Tags.

Flanier- und Fressmeile in Paris und zum ersten Mal etwas Sonne.
Dann wieder Sightseeing. Dieses Mal weniger zielgerichtet, aber mit schönerem Wetter.
Zur abendlichen Panel-Diskussion dann wieder im Hotel. Dieses Mal zum Thema „Big Data“, zu dem drei von vier Panelisten eingestanden, dass sie damit eigentlich nicht so viel am Hut haben. Der vierte war ein Herr von NVIDIA und schien vertrauter mit der Materie zu sein. (Wer NVIDIA nicht kennt: Sehr wahrscheinlich berechnet die grafische Darstellung dieses Textes auf deinem Bildschirm gerade ein Grafikchip aus dem Hause NVIDIA.) Insgesamt aber – wie viele Big Data-Konferenzdiskussionen – viel zu breit, um wirklich zu konkreten Aussagen zu kommen. Vielleicht ist auch einfach der Begriff zu breit, als dass jemand ein annähernd repräsentatives Beispiel nennen könnte.

Noch kurz die Bordkarte an der Hotelrezeption ausdrucken lassen, dann ab zum „Gala Dinner“.
„Red wine or white wine?“, fragt der Teilnehmer aus Singapur zu meiner Linken. – Keine Ahnung! Ich weiß ja gar nicht, was es zu Essen gibt. „Red wine, thank you.“, sage ich und hoffe auf Steak. Die Tischrunde von ungefähr 10 Teilnehmern spaltet sich in kleine Grüppchen und jeder erzählt, wo er herkommt und was er so macht. Zu meiner Rechten sitzt ein Kollege aus Mittweida, mit dem ich mich am ersten Abend schon unterhalten hatte, daneben jemand aus Norwegen, mit dem ich erst deutsch gesprochen hatte, weil er GENAU SO (deutsch) aussah. Auf der anderen Seite des kreisrunden Tisches sitzt mir ein Mexikaner direkt gegenüber, der laut über die Besiedelung fremder Planeten durch den Menschen philosophiert.

Der Konferenzorganisator, ein sehr sympathischer älterer Herr, hält eine kurze und unterhaltsame Eröffnungsrede, in der er die länderspezifischen sprachlichen Besonderheiten der eingereichten Beiträge auseinander nimmt (Italiener benutzen extrem viele Adjektive und lange Sätze; Deutsche setzen die Adjektive immer ans Satzende etc.). Dann öffnet sich eine Tür an der Seite des Saals, an der keine Tische stehen, und eine opulent geschmückte "Person" betritt den Raum. Ohne genauer auf Details eingehen zu wollen: Es war unterhaltsam. Die Ingenieurs-Steifigkeit fiel - trotz offensichtlicher anfänglicher Vorbehalte - mit jeder neuen Nummer des Varieté-Programms ab, was - zumindest an unserem Tisch - in eine feucht-fröhliche interkulturelle Gesprächsrunde mündete. Mittlerweile waren wir bei der Fußball-WM und der überragenden Leistung der deutschen National... blabla usw. angekommen. Der Mexikaner hätte ja nicht ausgerechnet MICH nach meiner Meinung zum Sieg fragen müssen. Der folgende verbale Schlagabtausch jedenfalls, der voll von seinem Unverständnis und seiner Entrüstung über meine Ignoranz gegenüber unserer Nationalsportart war, endete, nachdem ich keine Lust mehr hatte, mich mit seiner polemische Argumentationsweise zu beschäftigen, beschwingt-lustig mit einem "Well, then f*ck you!" meinerseits. Das gefiel ihm offenbar. Wahrscheinlich suchte er aber auch selbst nur nach einem effektvollen Abschluss der Diskussion, da uns aufgrund der Gesprächslautstärke ohnehin bereits die volle Aufmerksamkeit mindestens unseres Tisches galt und wir wohl beide für die in Anspruch genommene Zeit mit einem würdigen Finale entschädigen wollten. Nach kurzem Zögern stand er jedenfalls auf und stieß beherzt mit mir an. - So einfach kann das manchmal sein.

Der Organisator sammelt mittlerweile die Weinflaschen von den sich leerenden Nebentischen ein und bringt sie zu uns. Am erzwungenen Ende des Abends (gegen 24 Uhr; das Personal wirft uns bereits böse Blicke zu) stehen zu viele Flaschen Wein auf dem Tisch, die da ursprünglich nicht hingehörten.
Unseren Mexikaner tragen wir die Treppen hinunter an die Hotelbar, wo der Abend mit einem Informationsgespräch zu deutschen Biersorten beendet wird. International bekannt sind offenbar nur Oettinger und Sternburger. Na dann, gute Nacht!


24.07.2014 – Abreise
Frühe Abreise
Im Flugzeug bemerke ich zum ersten Mal bewusst die Sprühnebel-Bedampfung, die wohl die Klimaanlage darstellen soll. Ich komme mir vor wie Gemüse im Supermarkt. Ob man im Flugzeug deshalb vielleicht weniger schnell altert? Ich denke daran, dass Stewardessen fast immer jung aussehen. Ich dachte bisher, das liegt an der Schminke, aber nun habe ich einen alternativen Erklärungsansatz.

Ein weiterer interessanter Effekt hat sich eingestellt: Wenn ich seriös gekleidet bin (heute mal komplett schwarz von den Schuhen bis zum kurzärmeligen Hemd), sprechen mich überproportional viele Leute an und erfragen die Uhrzeit, eine Zugverbindung nach Werder („No, Werder is actually not IN Berlin.“) oder andere Lappalien ihres Alltags ("Ja, das ist schon sehr ärgerlich mit dem umgekippten Kaffee."). Kleider machen Leute. Sogar mich.

Und noch eine letzte Reisebemerkung: Ich hoffe, diese Nerd-Brillen-Geschichte („Streber-Look“) bei Frauen ist bald vorbei. Bei manchen sieht’s gut aus, bei den meisten aber einfach nur aufgesetzt (Wortspiel unbeabsichtigt).

Ankunft in Brandenburg gegen Mittag. Dann die Offenbarung: Kind Nummer zwei muss zur Oma gefahren werden. Schließlich sind Ferien.

Transportstatistik am Ende des Tages:

1,5 Stunden Metro
1,5 Stunden Flugzeug
0,5 Stunden Bus
1,25 Stunden Regionalexpress
0,25 Stunden Straßenbahn
4 Stunden Auto
______________________
9 Stunden in Verkehrsmitteln
====================

Wenn es im echten Leben ein "Transporter"-Achievement gäbe, hätte ich es heute bestimmt verdient. Gleich nach dem "CO2-Bastard"-Achievement. - So viele Bäume kann ich gar nicht pflanzen.

[Hier geht's zum ersten Teil des Reiseberichts.]

Schwitzende Chinesen und naschhafte Franzosen (Reisebericht Teil 1)

20.07.2014  - Anreise

Ein pünktlich erreichter Zug. Ein verspäteter Zug. Ein voller Ersatzzug. Ein verpasster Bus. Ein schnelles Taxi. Eine extrem kurze Wartezeit am Gate. Ein kurzer Flug. - Just-in-Time, baby!

Dann mit der Metro auf blauen Dunst in Richtung Stadt gefahren und nach Gefühl ausgestiegen. (Aus Geiz und ein wenig Abenteuerlust verzichte ich im Ausland oft auf einen Datentarif.) Kreative Elektroinstallation und auch sonst unkonventionelle Sicherungsmaßnahmen in den Unterführungen. Übermäßig pünktlich (19 Uhr) im Osten Paris' (20. Arrondissement) angekommen, um auf meiner Couch einzuchecken (wieder aus Geiz und Abenteuerlust, diesmal aber mehr vom zweiten). Irgendwie keiner da. Mh.

Ab zum Begrüßungscocktail im benachbarten Hotel, wo auch die Konferenz stattfindet. Der Cocktail ist mehr ein buntes Sektchen und tatsächlich auch nur einer. Ein nettes Gespräch und der Wunsch, nun doch nochmal den Checkin zu versuchen. Fehlschlag noch vor dem Verlassen des Hotels. - Strömender Regen. Mit Bauklötzen in der Kinderecke des Hotels eine beeindruckende Konstruktion hergestellt. Andere Petrus-Opfer getroffen und mit ihnen unter Nieselregen die Umgebung nach offenen Restaurants abgesucht. Schließlich eins gefunden und etwas gegessen. French Dressing ist auch in Frankreich Mist.

Ein chinesischer Doktorand teilt dem ebenfalls am Tisch sitzenden Lübecker und mir mit: "I'm schwitzing." Und grinst. - Zeit, nach Hause zu gehen. Mittlerweile gegen 22 Uhr. Zweiter Checkin-Versuch. Dieses Mal mit Anruf meinerseits und der Erkenntnis, nicht genau gelesen und dadurch den Eingang verpasst zu haben. Sehr freundliche Begrüßung und Führung durch das echt coole Loft. Ein Tee und eine sehr erholsame Nacht.

Mein Browser kann die nahe Zukunft voraussagen und zeigte mir zur Begrüßung ein passendes Bild zu meiner anstehenden Reise.
21.07.2014 - Erster Konferenztag

Spätes Aufstehen (8 Uhr). Dann Folien, Frühsport und Frühstück. Kleine Einkaufstour im örtlichen Supermarkt, der seinem Namen mit 2-kg-Nutella-Fässern absolut gerecht wird. Dann eine halbe Obst-Plantage in der Mitte und Hinweisschilder über Kirschen, Aprikosen und anderen im Vorbeigehen unauffällig konsumierbaren Obstsorten: Bitte nicht essen, verstößt gegen Paragraph xy der Hausordnung, Strafe usw. Und dann nacheinander drei Einheimische, die das große rote Schild geflissentlich ignorieren und sich nach Herzenslust bedienen. Heimweg unter erschwerten Bedingungen: Franzosen in Autos. Ein bisschen irre ist das schon.

Dann zur Konferenz. Zwei Sessions mitgenommen. Selbst Vortrag gehalten. Erste Folie auf französisch übersetzt und die ersten zwei Sätze ebenfalls auf französisch gehalten. Dann große Erleichterung und nachhaltig wohlwollende Stimmung und Aufmerksamkeit des Publikums beim Wechsel auf Englisch. Der Witz war zugegebenermaßen mutig, hat aber gezündet. Normalerweise sind Wissenschaftler-Witze auf Konferenzen sehr - nun ja - bemüht.

Eine lange Pause und eine sehr breit angelegte Panel-Diskussion (Wissenschaftler-Deutsch: "Das sind sehr komplementäre Themen." = "Das hat ja überhaupt nicht zusammengepasst.") später gegen 20 Uhr zu Hause. Musik an. Ein 7-Ei-Omelette mit Kirschtomaten und roter Zwiebel zubereiten und Bericht schreiben im Garten (s. Bild). Die anderen Loft-Bewohner sind irgendwie ausgeflogen. Morgen ist Touri-Programm angesagt. André out.

[Hier geht's zum zweiten Teil des Reiseberichts.]

WTF, Wi-Fi?

Gestern Abend habe ich ein lange ruhendes Projekt fortgeführt und die löchrigen Wände unserer Dachkammer verspachtelt. Zur musikalischen Untermalung nahm ich auch mein Telefon und einen kleinen Lautsprecher mit. Ich hatte schon fest damit gerechnet, meine schlecht sortierte lokale Musiksammlung vom Telefon durchzuhören und alle paar Minuten auf "Nächster Song" zu drücken. Ein wagemutiger Hoffnungsschimmer ließ mich dann doch noch die Musikstreaming-App aufrufen und siehe da: Zwei Stunden lang perfekter Empfang! Das ist eine ganz beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass der WLAN-Router gut drei Etagen unterhalb des Dachbodens steht und ich eigentlich schon im Nebenzimmer häufiger Verbindungsabrisse habe.

Meine Vorstellung vom Abstrahlverhalten der Router-Antennen, welches offenbar völlig unabhängig von der Ausrichtung des Routers ist, habe ich hier mal skizziert:



Zugfahren und warum ich meinen Job mag

Ich sitze im Zug auf dem Rückweg von einer Konferenz. Der Zug tut allerdings nicht das, wofür er gemacht wurde. Hauptsächlich steht er nämlich. Manchmal zischt es. Ab und zu knackt es. Und praktisch dauerhaft pfeift ein kalter Wind aus der Klimaanlage. Die offizielle Version zum mittlerweile 30-minütigen Stillstand lautete schlicht „Polizeieinsatz“. Die Gerüchteküche, die sich zwischenzeitlich im Zug entwickelt hat, spricht von zwei betrunkenen Behinderten (bzw. „behinderten Betrunkenen“ – Keine Ahnung, wie die Rangfolge hier politisch korrekt angegeben wird.), die sich in der Bordtoilette eingeschlossen hätten. Handyempfang ist null, weil wir an irgendeinem Bahnhof mitten in der Pampa gehalten haben. Da hätte ich mir meine Irre-beeilen-um-einen-Zug-eher-zu-kriegen-und-früher-zu-Hause-zu-sein-Strategie sparen und mich stattdessen noch eine Stunde am Konferenzort vergnügen können (Hafenfest).

Jedenfalls musste ich daran denken, wie produktiv ich eigentlich von überall arbeiten kann und wie angenehm das ist. – Laptop raus und Action. Am besten Lesen, Schreibaufgaben oder Ideenfindung. Grafische Sachen und Recherche machen mobil hingegen keinen Spaß. – Oft auch mangels Internetzugang. Aber gerade mangelnder Zugang zu Informationen bringt mich oft wieder mehr zum selber nachdenken. Die Details und Annahmen kann man später immer noch prüfen. Aber man denkt wenigstens erstmal eigene Gedanken, statt gleich im Netz eine Lösung zu suchen und sich damit zufrieden zu geben.

Der Zug rollt wieder. 55 Minuten
Verspätung. Die Dame kommt rum und verteilt Entschuldigungszettel. Ich glaube, ich will auch einen haben.

Die Konferenz war sehr entspannt. Sehr breite, aber interessante und praxisnahe Themen. Abendveranstaltung war ein Segeltörn auf dem Lotsenschoner „Atalanta“. Parallel zu uns fuhr auch noch eine Kogge los. Das ist so ein gewaltiges Wikingerschiff mit einem großen Segel und zwei Drehbassen (kleine drehbare Kanonen). Unser Schiff war auch recht groß. Aber statt Drehbassen und Riesensegel hatten wir Gulaschsuppe und Bier. Zwischendurch gab‘s dann auch noch ne Runde Kurze. Und damit meine ich nicht die Köchin…*Fremdschäm-Anlacher*

Danach ging’s noch in kleiner Gruppe weiter zum Fußballgucken in eine Bar in der Innenstadt. Fußball interessiert mich immer noch herzlich wenig, aber Pizza und Long-Island waren sau-lecker und so hab ich die 90 Minuten auch rumgekriegt. Ein toller Ausklang des Abends. Danach mit dem geliehenen Fahrrad zurück zur privat gemieteten Wohnung. Airbnb rockt. Freu mich schon auf Paris, nächsten Monat. – Ich sag ja, cooler Job.

Habe jetzt auch einen Entschuldigungszettel (Polizeieinsatz, 55 Minuten Verspätung) und ein Formular zu den Fahrgastrechten. – Ich habe demnach das Recht auf 25% Kostenerstattung, wenn der Zug – wait for it – 60 Minuten Verspätung hat. Großes Kino, Deutsche Bahn. – Echt. Großes. Kino.



P.s. Offenbar hat die Deutsche Bahn jetzt auch ihre Mitarbeiter mit QR-Code-Scannern geupgradet. Jedenfalls genügte den Bahn-Kontrollettis auf meiner Hin- und Rückfahrt nur ein kurzer Blick auf den komplexen Kästchen-Code auf meinem Smartphone, um die Rechtmäßigkeit meiner Fahrt abzunicken. Ich schätze, dass die Scanner in die Netzhaut der Mitarbeiter eingearbeitet wurden. Eine sehr nützliche Idee, wie ich finde.

Die 80/20 Dissertation

Es heißt (frei nach Vilfredo Pareto), 20% des Aufwands bringen 80% des Ergebnisses. Jeder Aufwand, der darüber hinaus investiert wird, erbringt nur geringe und dazu noch stark abnehmende Verbesserungen in Bezug auf das Resultat.

Zum Beispiel: 20% der Kunden bringen 80% vom Gewinn. (Im Internetzeitalter dann wohl eher 2/98 --> s. Dropbox, Flickr, Open Source-Projekte etc.) Der Fokus sollte also zunächst darauf liegen, die 20% glücklich zu machen, die 80% des Gewinns bringen.

Ich war bisher der Meinung, dass man bei "Dingen, die gut werden sollen", schon auf die 100% (oder zumindest 90%) kommen sollte. Aber ich habe erfahren, dass der Mehraufwand tatsächlich selten lohnt. Der Feinschliff an irgendwelchen Arbeitsergebnissen (Präsentation, Abschlussbericht, Song, Software) fällt fast nie jemandem auf. Und wenn, dann ist dessen Meinung irrelevant.

Aber ist es nicht gefährlich, eine solche Herangehensweise auch bei der Doktorarbeit an den Tag zu legen? Das klingt doch nach Plagiat und Halbwahrheiten, nach wissenschaftlicher Unredlichkeit und handwerklichem Pfusch.

Hier meine Argumente für die "80/20 Dissertation":

  • nur das Wesentliche zu schreiben und Unwichtiges wegzulassen ist die Aufgabe des Wissenschaftlers, um das Verständnis der Arbeit zu gewährleisten
  • 80/20 zwingt dazu, die Forschungsidee (Was soll wie und warum herausgefunden werden?) extrem kondensiert darzustellen, was eine sehr klare Idee voraussetzt
  • Gutachter müssen sich nicht durch Seiten von unnützem und ohnehin mehr als geläufigem Wissen quälen
  • die ersten 20% einer Literaturrecherche sollten die wichtigsten Quellen zu Tage fördern
  • es werden keine Steuergelder für die ausschweifende Dokumentation bekannter Sachverhalte verballert
  • es bleibt mehr Zeit für tatsächliche Forschung und Industrieprojekte
Das Potenzial ist also für alle Beteiligten sehr hoch. 
Ich sehe dabei folgende Risiken:
  • Legitimationszwang gegenüber Anderen ("Du kannst doch bei der Diss nicht 80/20 machen!")
  • Unvollständigkeit: wichtige Aspekte (z. B. einzelne wichtige Quellen oder mögliche Lösungswege) können leichter untergehen
  • Tiefe: die inhaltliche Tiefe des eigenen wissenschaftlichen Beitrags könnte zu gering sein
Das erste Risiko ist nur sozialer Druck, dem auszuweichen ist. Mit Unvollständigkeit lebt man wohl immer. Aber allzu viele Meinungen kann und sollte man ohnehin nicht einbringen. Das verwässert nur die Argumentationslinie. Bleibt noch die Tiefe des eigenen Beitrags. Mh... darauf sollte man sich dann wohl konzentrieren und ein bisschen länger darauf herumdenken. Aber auch da gilt wahrscheinlich: 20% der Idee machen 80% des Beitrags.

Also, ist die 80/20 Dissertation gefährlich? - Ja.
Sollte man es deshalb sein lassen? - Auf keinen Fall.


Update 14.07.2014: Habe gerade in einer MindMap mit Produktivitätstipps eine weitere Umschreibung von Pareto gefunden, die hier ganz gut passt: "Focus your energy on that critical 20%, and don't overengineer the non-critical 80%." - Die Wahl des Begriffs Overengineering macht es eigentlich zur wertvollen Lektion: Nicht mehr als das machen, was der Kunde (a.k.a. der Prüfer) haben will. Kein unnötiger Perfektionismus. Oder nach Wikipedia: Das Produkt sollte "weniger nicht benötigte Leistungsmerkmale" aufweisen. Oder nach meinem Lieblingsprinzip der agilen Softwareentwicklung: "Einfachheit - die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren - ist essenziell."

Dafür muss man natürlich wissen, was der Kunde haben will.

Entrepreneur aus der Dissertation



Ein paar interessante Folien zu Startups mit Prozessdarstellung und dem Abgleich von Wertversprechen und Kundenbedürfnis: Corporate Startup: Disruptive Innovation mit Lean Startup & Design Thinking

[Ungefähr einen Tag später...]

Ich habe mal zu dem Modell recherchiert, das im Zentrum der obigen Präsentation steht. Dabei kam heraus, dass die ganze Idee offensichtlich mal eine Dissertation war und sich mittlerweile als NY-Times Best-Seller verkauft. Nachdem, was ich seinem LinkedIn-Profil entnehmen konnte, hat der Autor an der Schweizer Uni HEC Lausanne (obere Liga bei den WiWis) Wirtschaftskram studiert und ist dann noch in seiner Promotionszeit (4,5 Jahre) als Gründer gestartet. Sprechergage, meint er auf seinem Kontaktformular, wäre auf dem durchschnittlichen Niveau eines NYT-Best-Sellers. Nach kurzer Recherche schätze ich das auf $40.000 (~30.000 €) pro Vortrag. Nicht schlecht. Gute Ausgangslage + gute Idee + Durchboxen = Coolio!

Unabhängig davon, ob man das jetzt nachmachen kann und will, stellt sich mir die Frage, wie nützlich die Idee einer Dissertation für die Allgemeinheit sein sollte. - In der IT-Branche schwingt schließlich - auch in der wissenschaftlichen Arbeit - immer eine gewisse Grunderwartung von praktischer Anwendbarkeit mit. Allerdings verkauft sich die IT immer noch nicht besonders gut. Im Rahmen persönlicher Lebensplanung versuche ich es so zu gestalten, dass es ein durchgängiges "Thema" gibt. Bei mir also zum Beispiel mal den großen Bereich "Software-Qualität". - Und da sollte die Diss auch schon ein wichtiger Grundstein sein. Alles, was ich jetzt lerne, soll später anderen nutzen können. Das ist, denke ich, das eigentliche Ziel dieser Promotion.

Jedenfalls habe ich jetzt große Lust, richtig anzufangen. Fragen stellen, Probleme und Lösungen finden und strukturieren. Etwas Nützliches erschaffen. - Aber erstmal müssen der Projektbericht, das aktuelle Paper und die Change-Vorlesung fertig werden. *zähneknirsch*

Dennoch: Diese 1,5 Stunden investierter Zeit (Recherche +Dokumentation) waren ganz nützlich, denke ich.